Hintergrund

Der andere 11. September

Das Datum 11. September ist zu einem Synonym für Terror geworden, seit terroristische Selbstmordattentäter mit entführten Flugzeugen die Twin Towers in New York zum Einsturz brachten und Tausende Menschen mit in den Tod rissen.

Es gibt noch einen weiteren 11. September – und auch dieses Datum ist mit Terror verbunden: Am 11.September 1973 ergriff in Chile das Militär unter General Augusto Pinochet die Macht, ermordete den gewählten Präsidenten Salvador Allende und begann einen „Krieg“ gegen die chilenische Bevölkerung. Bei diesem Tun wurde Pinochet durch die US-Regierung unterstützt.

Vorausgegangen waren andere Versuche der USA, den vermeintlich übemächtigen kommunistischen Einfluss in Lateinamerika zurückzudrängen.

1957: Das Chile-Projekt

Ein Förderprogramm, bezahlt aus amerikanischen Steuer- und Stiftungsgeldern ermöglichte es ausgewählten chilenischen Studenten in den USA zu studieren –allerdings nur Ökonomie und nur an der Fakultät von Chicago, wo der ultraorthodoxe Marktliberalismus des späteren Nobelpreisträgers Milton Friedman die Leitdoktrin war. Die 100 Chilenen, die im Lauf von 13 Jahren diese Ausbildung absolvierten, erhielten später Ökonomie-Lehrstühle in Chile. Das erklärte Ziel, die politische Meinung im Land zu beeinflussen, wurde jedoch nicht erreicht.

1970 gewann die Unidad Popular die chilenischen Wahlen. Der demokratische Sozialist Salvador Allende (Bild) wurde Präsident. US-Präsident Nixon erteilte daraufhin dem CIA-Direktor Richard Helms den Befehl „einen Aufschrei durch die Wirtschaft“ gehen zu lassen. Die US-Firma International Telephone und Telegraph Company (ITT) versuchte damals vergeblich, durch Bestechung die Amtseinführung Allendes zu verhindern. Das US-Außenministerium und die CIA waren an diesem Versuch beteiligt.

Der „Ziegelstein“: ein Wirtschaftsprogramm für die Diktatur

Während die Vorbereitungen zum Putsch Pinochets liefen, arbeiteten chilenische Absolventen der Wirtschaftsfakultät von Chicago ein Wirtschaftsprogramm für die zukünftige Diktatur aus – einen Tag nach dem Putsch war es fertig. Wegen seines imposanten Umfangs – 500 Seiten – wurde das Werk der „Ziegelstein“ genannt und es erwies sich als harter Brocken für die chilenische Wirtschaft. Es enthielt das Credo eines extremen Wirtschaftsliberalismus – Rückzug des Staats aus allen Bereichen des Lebens und ihre „Regelung“ durch das freie Spiel der Kräfte.

Die von Pinochet in einflussreiche Positionen beförderten chilenischen „Chicago Boys“- darunter der Hauptautor des „Ziegelstein“ Sergio de Castro - machten sich daran, diese Rezepte umzusetzen: Es gab Privatisierungen, Barrieren für Importe wurden beseitigt, staatliche Ausgaben wurden zurückgefahren – allerdings nicht der Militäretat, der deutlich aufgestockt wurde.

Die Folgen waren verheerend. Die Inflation, die bereits während der Allende-Regierung sehr hoch gewesen war, verdoppelte sich fast. Die billigen Importwaren machten einheimischen Firmen den Garaus und die Arbeitslosenrate schnellte von 3 % unter Allende auf 20 % - später sogar 30 % - hoch. Vor allem die Grundnahrungsmittel wurden extrem teuer - und für die Armen unerschwinglich. Die Sozialprogramme Allendes – Schulspeisung und Bildung – wurden abgeschafft. Die wirtschaftliche Lage der Arbeiter war verzweifelt, auch der Mittelstand litt stark.

Da nur wenige Einheimische profitierten, verlor Pinochets Politik den Rückhalt in der Wirtschaft. Pinochet selbst schien irritiert, weil die Inflation nicht - wie prognostiziert -verschwunden war und die Arbeitslosenzahlen explodierten.

74 Prozent des Lohns allein für Brot

Da besuchte Milton Friedman selbst auf Einladung einer Bank Chile. Ihm gelang es, den schwankenden Pinochet wieder auf Linie zu bringen. Die Politik des Wirtschaftliberalismus wurde fortgesetzt - die staatlichen Ausgaben weiter gekürzt. Ein Dissident der Chicagoer Schule, der Deutschstämmige André Gunder Frank rechnete aus, dass 74 Prozent des von der Regierung als auskömmlich erachteten Lohnes in einer Arbeiterfamilie für Brot ausgegeben werden mussten.

Erst 15 Jahre nach dem Putsch und dem Beginn der Milton’schen Schock-Therapie stabilisierte sich die Wirtschaft. Allerdings lebten nun 45 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, während die Reichsten gewaltige Einkommenszuwächse erzielt hatten. Noch heute gehört Chile zu den Ländern mit dem stärksten Wohlstands-gefälle.

Dass sich die Wirtschaft überhaupt wieder erholen konnte, führt Naomi Klein darauf zurück, dass die wichtige Kupferindustrie nie verstaatlicht wurde und sogar einige Privatisierungen wieder rückgängig gemacht wurden.

 

Folter zum Wohl des Vaterlandes

Während der Diktatur Pinochets wurden 180000 Menschen durch Geheimdienst, Polizei und Militär entführt und in Folterkellern und Konzentrationslagern festgehalten, allein 13.500 schon in den ersten Tagen.

Tausende wurden ermordet. Viele von ihnen verschwanden spurlos. Bis heute quält ihre Angehörigen die Ungewissheit über ihr Schicksal.

Zwei Bischöfe versuchten bei einer Audienz, Pinochet zur Beendigung der Folter zu bewegen. Um ihn nicht zu reizen, vermieden sie das Wort Folter und benutzten Umschreibungen. „Sie meinen Folter?“ unterbrach sie Pinochet. Und fuhr fort: „Folter ist notwendig zur Ausmerzung des Kommunismus. Zum Wohl des Vaterlandes.“ (Dorfman, Seite 53).

Als der der brutale Charakter des Pinochet-Regimes immer deutlicher wurde, gab es auch Kritik an Milton Friedman (Bild) wegen seiner Rolle in dieser Politik. Friedman wies jede Verantwortung von sich. Im Jahr 2000 sagte er dazu in einem Interview: „Das wirklich Wichtige an der Chile-Sache ist, dass freie Märkte tatsächlich auf ihre Weise eine freie Gesellschaft herbeiführen“.

Diese „Freiheit“ musste mit militärischer Gewalt, Folter und Massenerschießungen erzwungen werden.

Quellen:

Ariel Dorfman, 2003. Den Terror bezwingen. Konkret Literatur Verlag.

Naomi Klein, 2007: Die Schock-Strategie. S. Fischer Verlag.


 

 

 

 

 

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Letztes Update 28.06.2009