Kinderkrebs um AKW – kaum eine Studie hat einen so klaren Befund
Im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz untersuchte das Mainzer
Kinderkrebsregister 1592 Krebsfälle bei Kindern unter 5 Jahren
in der Umgebung der deutschen Atomkraftwerke (22 Reaktoren an 16 Standorten).
Zum Vergleich wurden 4735 Kinder aus dieser Altersgruppe in den gleichen
Gebieten zufällig ausgewählt.
Der Bericht liegt inzwischen vor (Forschungsvorhaben Nr. StSch 4334
im Umweltforschungsplan des Bundesumweltministeriums).
Die Schlussfolgerung wird hier wörtlich zitiert:
„Unsere Studie hat bestätigt, dass in Deutschland ein Zusammenhang
zwischen der Nähe der Wohnung zum nächstgelegenen Kernkraftwerk
zum Zeitpunkt der Diagnose und dem Risiko, vor dem 5. Geburtstag an
Krebs (bzw. Leukämie) zu erkranken, beobachtet wird. Diese Studie
kann keine Aussage darüber machen, durch welche biologischen Risikofaktoren
diese Beziehung zu erklären ist. Die Exposition gegenüber
ionisierender Strahlung wurde weder gemessen noch modelliert. Obwohl
frühere Ergebnisse mit der aktuellen Studie reproduziert werden
konnten, kann aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und -epidemiologischen
Wissens die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte
ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert
werden. Ob Confounder, Selektion oder Zufall bei dem beobachteten Abstandstrend
eine Rolle spielen, kann mit dieser Studie nicht abschließend
geklärt werden.“
Es
bleibt festzuhalten: Je näher ein Kind unter 5 Jahren an
einem AKW wohnt, desto höher ist sein Risiko, an Krebs oder Leukämie
zu erkranken.
Andere Risikofaktoren (Confounder) konnten nicht festgestellt werden.
Allerdings gaben zu diesem Thema nur relativ wenige Familien, die sehr
dicht an den Kraftwerken wohnen, Auskunft.
Kampf um die Deutungshoheit
Bereits in den Veröffentlichungen des Ergebnisses entbrannte der
Kampf um die Deutung dieser Befunde. Frau Professor Blettner vom Kinderkrebsregister
unterschlug nicht nur einen Teil der Krebsfälle, sondern wollte
Strahlung als Ursache dezidiert ausschließen. Der heutige Leiter
des Deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz, Professor Peter Kaatsch,
schrieb „Allerdings kommt nach heutigem Wissen Strahlung, die
von Kernkraftwerken im Normalbetrieb ausgeht, als Ursache nicht in Betracht.“
Es wurde jedoch gar nicht untersucht, welcher Strahlenbelastung die
untersuchten Kinder ausgesetzt waren. Dies lässt sich im Nachhinein
auch nicht mehr untersuchen. Die Kraftwerke laufen eben auch nicht immer
„im Normalbetrieb“, also störfallfrei, wie hinlänglich
bekannt ist.
So widersprechen das Bundesamt für Strahlenschutz und verschiedene
Epidemiologen wie Prof. Jockel aus Essen, Prof. Greiser aus Bremen und
Prof. Hoffmann aus Greifswald auch der voreiligen Entlastung der Atomkraftwerke.
„Kaum eine Studie hat einen so klaren Befund“, sagt Prof.
Hoffmann. Der Strahlenbiologe Prof. Edmund Lengfelder aus München
berichtet, dass man sich beim Design der Studie einig war, den Abstand
vom Kraftwerk als indirektes Maß für die anlagenbedingte
Strahlenbelastung zu nehmen.
Räumlicher Zusammenhang weltweit nachweisbar
Die These von den AKW als Ursache wird unterstützt von einer Auswertung
von 17 Untersuchungen zu Leukämie in der Umgebung von 136 Kernkraftwerken
in Deutschland, den USA, Kanada, Japan, Frankreich, Großbritannien
und Spanien. Diese Auswertung wurde von Wissenschaftlern der Medizinischen
Universität von South Carolina unter Leitung von Prof. Baker vorgenommen.
Dabei war das Risiko für eine Leukämieerkrankungen in der
Altersgruppe bis 9 Jahre um bis zu 21 Prozent gegenüber der Normalbevölkerung
erhöht. Andere Risikofaktoren wurden hierbei nicht untersucht.
Andere Risikofaktoren wahrscheinlich ?
Eine Beziehung zu anderen bekannten Risikofaktoren, die per Telefon-Interviews
der Familien erhoben wurden, konnte in der deutschen Studie nicht nachgewiesen
werden. Hier wird eingewendet, dass die Zahl der Antworten auf die Fragen,
besonders in unmittelbarer Kraftwerksnähe, zu gering war.
Bei den internationalen Studien wurden andere Faktoren nicht erhoben.
Da sich der Abstandstrend aber weltweit nachweisen lässt, ist
es nicht sehr wahrscheinlich, dass überall gerade in Kraftwerksnähe
die sonstigen Risikofaktoren (z.B. Zigarettenrauch oder Pestizide) besonders
gehäuft auftreten.
Die Atomkraftwerke als Ursache zu nehmen, ist also die einzig nahe
liegende und vernünftige Annahme. Vor diesem Hintergrund klingt
die Forderung nach der Aufkündigung des Atomkonsens und der Verlängerung
der Laufzeit für Atomkraftwerke mehr als zynisch. Als Konsequenz
aus diesen Ergebnissen müssen die Atomkraftwerke so bald wie möglich
vom Netz genommen werden – und das weltweit.
Was können Sie tun?
Beteiligen Sie sich an der Aktion der Ulmer Ärzte-Initiative.
Dabei soll an Umweltminister Gabriel appelliert werden, das Thema nicht
noch weiter auf die lange Bank zu schieben, sondern rasch die notwendigen
Maßnahmen zu ergreifen.
Mehr dazu unter:
www.ippnw-ulm.de
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