Gastbeiträge

Wenn der Postmann nicht mehr klingelt

Wie oft habe ich mich in den Tagen und Wochen, die ich wartend in der Post zugebracht habe, gefragt, ob Herr Zumwinkel jemals selbst ein Päckchen nach Liechtenstein oder auf die Cayman Islands aufgegeben hat und sich dabei anstellen musste? Hätte er dann noch mit ansehen können, wie seine Kunden bis auf die Straße stehen, während vorne das E-Terminal nicht auf die Geheimnummer reagiert? Oder weil nur einer von drei Schaltern besetzt ist, und dieser Mitarbeiter soeben auf Nimmerwiedersehen hinten bei den Paketen verschwunden ist?

Sigrid Faltin

Dr. Sigrid Faltin, Autorin und Filmemacherin

Man muss nicht Zyniker sein, um zu vermuten, dass es Absicht der Post ist, ihren Service künstlich zu verknappen, damit die Leute genervt zu den neuen Pack- und Paketstationen oder gleich ins Internet abwandern-. Immerhin hat es die Post fertig gebracht, das Kerngeschäft ihres Services, nämlich die Briefkästen, von einem Tag auf den anderen um mehr als ein Drittel abzubauen. Seitdem muss ich einen strammen Fußmarsch zum nächsten Briefkasten hinlegen. Die Zahl der Filialen hat sich in den letzten zehn Jahren von 15.331 auf 13.500 verringert. Um lächerliche 10 %, sagt die Post. Wie viele haueignen Filialen dabei allerdings in externe Postpoints umgewandelt wurden, verrät sie nicht. Jahrelang wurde Herr Zumwinkel von den Wirtschaftsjourna-listen gelobt, weil er die Post auf Vordermann gebracht habe. In den Lokalteilen der gleichen Zeitungen wurden zeitgleich Omas, nicht motorisierte Kunden und Behinderte zitiert, die sich über die Serviceverschlechterung bei der Post beklagten.

….Der junge Postler war Teil meines Lebens. Ich habe ihn fünfzehn Jahre lang mindestens einmal die Woche aufgesucht, er händigte mir die Einschreiben auch ohne Ausweis aus, er kannte seine Kundschaft…. Als er eines Tages ein hellblaues Hemd mit gelb-blau gestreifter Krawatte trug und mich auf das neue Ökostrom-Angebot, das ich auf einmal bei der Post kaufen sollte, aufmerksam machte,… wusste ich, das ist kein gutes Zeichen. Jetzt musste der arme Mann zusätzlichen Umsatz erwirtschaften, Briefmarken und Einschreiben taten es nicht mehr, die Globalisierung …war in meiner Zweigstelle angekommen. Tatsächlich hat es keine zwei Jahre mehr gedauert, da wurde meine Filiale geschlossen und im Blumenladen nebenan ein Postpoint aufgemacht.

Gekürzter Auszug aus dem Buch “Scheiterst du schon oder schraubst du noch? – Überlebensstrategien in der Servicewüste“ von Sigrid Faltin, Herder-Verlag Freiburg 2008.

 

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Letztes Update 06.03.2010