Für Anleger mit ethischem Bewusstsein
Dr. Eduard Belotti gab bei den Nürtinger Energietagen Einblicke
in ethisch-ökologische Geldanlagen
NÜRTINGEN. Vor zwanzig Jahren passierte es: In Tschernobyl kam
es zum GAU, als einer der Reaktoren in Brand geriet. Die Auswirkungen
waren weltweit nachmessbar. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war
die Diskussion entfacht um die Nachhaltigkeit von Industrie- und Konsumprodukten.
Nicht nur die Produktion und der Im- und Export von Energie wurde vor
diesem Hintergrund kritisch beleuchtet. Ist Baumwolle pestizidbelastet?
Wurde das Produkt durch Kinderarbeit hergestellt? Auch solche Fragen
werden gestellt, wenn es um mehr Nachhaltigkeit geht. Das führte
auch zu einer erhöhten Nachfrage für nachhaltige Geldanlagen.
Der Markt dafür boomt. Um Interessenten einen Überblick zu
verschaffen, stellte Dr. Eduard Belotti in der Glashalle des Nürtinger
Rathauses bei der letzten Veranstaltung einige ethisch-ökologische
Anlagekonzepte vor.
Strom
kommt aus der Steckdose, aber wie kommt er da hinein?“, begann
der freiberufliche Anlagenberater seinen Vortrag, der im Rahmen der
Nürtinger Energietage stattfand. Bei der Geldanlage könne
man manche Überraschung erleben, denn die Möglichkeit, dass
sich in einem Aktienfonds auch Anteile von Rüstungsfirmen befänden,
sei nicht unwahrscheinlich. Transparenz bei Kapitalanlagen, so Belotti,
sei daher ein wichtiger Entscheidungsfaktor.
Aber auch für ethisch-ökologische Konzepte gelte, dass der
Anleger möglichst umfassend über die Risiken der Investition
informiert werden müsse. Zunächst stellte er ein Modell mit
größter Transparenz vor. Bei Wind-, Solar- oder Biogas-Beteiligungen
seien bereits die Unterlagen für Anleger sehr detailliert. Betreiber
von Windkraftanlagen müssten beispielsweise Rentabilitätsprognosen
erarbeiten, die auf einen Zeitraum von zwanzig Jahren ausgelegt sind.
Dies sei im Gesetz für erneuerbare Energien festgelegt, das auch
vorschreibe, dass Netzbetreiber diese ökologisch erzeugte Energie
zu einem über 20 Jahre festgelegten Preis abnehmen müssten.
Das in eine solche Windkraftanlage investierte Geld zähle zum
Eigenkapital der Firma, in der die Anleger als Kommanditisten eingetragen
seien. Der Kommanditist hafte mit dem von ihm eingebrachten Geld. Zusätzlich
nehme der Betreiber Fremdkapital bei Banken auf. Nach Abzug der laufenden
Kosten für den Unterhalt der Windkraftanlage und der Forderungen
der Banken werde dann über den Rahmen der Ausschüttung entschieden.
Durch die höheren Abschreibungskosten in den ersten Jahren seien
die Gewinnausschüttungen zunächst geringer, stiegen aber kontinuierlich
und könnten nach 15 Jahren durchaus bei dreißig Prozent jährlich
liegen. Über die gesamte Laufzeit könne so eine Rendite von
280 Prozent zusammenkommen.
Belotti räumte ein, dass Beteiligungen an Windparks recht kompliziert
seien. Der Standort sei wichtig, wobei nicht nur Spitzenstandorte für
gute Beteiligungen sprächen. Wenn die Windprognose sorgfältig
abgeschätzt wurde, könne auch ein Standort im Binnenland eine
gute Investitionsmöglichkeit bieten. Da bei diesen Windprognosen
in der Vergangenheit viele Fehler gemacht wurden, riet Belotti den potenziellen
Anlegern, vor einer Entscheidung mindestens zwei Gutachter zu konsultieren.
Falle deren Bewertung sehr ähnlich aus, steige die Gewissheit einer
seriösen Investition
Belotti widmete sich auch den Anleihen und Genussscheinen, die er in
die Kategorie der mittleren Transparenz einordnete. Hier leihe sich
eine Firma Geld bei den Anlegern und zahle Zinsen und Ausschüttungen
dafür. Die Investition sei zeitlich begrenzt, nach deren Ablauf
erhalte man das eingesetzte Kapital zurück. Das Risiko bei dieser
Anlageform liege darin, dass man nicht genau wisse, wohin das Geld fließt.
Bei ethisch-ökologischen Projekten gehe es oft in Hochrisikoländer,
die nach militärischen Auseinandersetzungen hohen Kapitalbedarf
für den Wiederaufbau hätten. Aber auch Gewerbetreibende und
Banken in Entwicklungsländern würden unterstützt.
In die dritte Kategorie stufte Belotti Investmentfonds ein. Hier kämen
Aktien oder Anleihen von Firmen oder Staaten in einen Wertpapieretopf.
Zwar werde der Anleger darüber informiert, welche Aktien oder Anleihen
sich in seinem Fond befinden, dennoch wisse man oft nicht genau über
die Aktivitäten der Firmen Bescheid. Bei der sozial-ökologischen
Geldanlage nähmen der Fondsmanager oder ein Anlagenausschuss der
Investmentgesellschaft diese Firmen genauer unter die Lupe und schlössen
diejenigen aus, die nicht den ethischen und ökologischen Ansprüche
genügten. Nicht mit von der Partie sei daher die Rüstungsindustrie,
aber auch Firmen, die von Kinderarbeit oder Pornographie profitierten.
„Geldanlage ist Vertrauenssache“, schloss Belotti. „Räumliche
Nähe zu einem Projekt oder die Beratung durch Bekannte ist jedoch
keine Garantie gegen Verluste.“ Er riet den Zuhörern, sich
selbst gut zu informieren oder das Gespräch mit einem neutralen
Berater zu suchen. Die anschließende Diskussion zeigte, dass Belottis
Informationen vor allem auch im Hinblick auf die in Nürtingen angestrebte
Energiewende interessant sein könnten.
SYLVIA GIERLICHS, 3.5.2006 www.ntz.de
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