Zwischenruf

Atomkraft als „Brückentechnologie“ –
Verlängerung eines brüchigen Bauwerks?

Ob in dem umstrittenen Papier zur Industriepolitik von Wirtschaftsminister Guttenberg, in Verlautbarungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung oder in den Reden zahlreicher Politiker – hier tut sich Bayerns Umweltminister Söder besonders hervor – überall wird von der Atomkraft als „Brückentechnologie“ gesprochen. Diese hochgefährliche Technik soll den Übergang in das Zeitalter der erneuerbaren Energien bilden. Notwendig sei dies aus Gründen des Klimaschutzes, der Kosten und der Versorgungssicherheit.

Diese Argumentation ist so brüchig wie das Bauwerk, das uns da in die Zukunft tragen soll.

Klimaschutz: Atomkraft ist nicht völlig CO2-frei. Die Erkundung, Ausbeutung und Verarbeitung des Urans, die Herstellung der Brennstäbe und die Ver- und Entsorgung der Kraftwerke erfordern vielfältige Prozesse und Transportwege, die zur CO2-Produktion führen. So kommt man auf 31 bis 61 g CO2 pro kWh Atomstrom. Die Bewohner der Uranabbaugebiete und die Arbeiter in den Fabriken werden zusätzlich durch Strahlung und Giftstoffe gefährdet. Die sichere Verwahrung des entstehenden Plutoniums über lange Zeit ist ein ungelöstes (vielleicht sogar unlösbares) Problem.
Natürlich ist die Klimabilanz der Atomkraftwerke besser als die von Kohlekraftwerken – aber schon bei Erdgasheizkraftwerken, bei denen auch die Wärme genutzt wird (Kraft-Wärme-Kopplung) sieht es anders aus. Weltweit leisten die derzeit 436 AKW nur einen sehr geringen Beitrag zum Klimaschutz. Wollte man diesen deutlich steigern, müssten Tausende von AKW gebaut werden – daran ist gar nicht zu denken (s. Kosten).

Kosten: Die alten abgeschrieben Atomkraftwerke sind ein gutes Geschäft – für die großen Stromversorger. Felix Matthes vom Öko-Institut schätzt die Zusatzgewinne durch ein Jahr Laufzeitverlängerung auf 10 Mrd. €. Dies ist der Grund, warum die Konzerne die mit der rot-grünen Regierung geschlossene Ausstiegsvereinbarung nicht einhalten wollen. In den Preisen für den Haushaltskunden schlagen sich die geringen Produktionskosten nicht nieder. Die hohen Gewinne sind natürlich nur möglich, wenn auch der billig erzeugte Strom teuer verkauft wird.

Dazu die Energie-Expertin des DIW, Claudia Kemfert: „Die Nuklearenergie ist keine preisgünstige Technologie, obwohl mit abgeschriebenen Atomkraftwerken vergleichsweise günstig Strom produziert werden kann. Nur mit massiven Subventionen – allein in Deutschland wurden bis zu 40 Milliarden € an Subventionen aufgewendet – ist der Bau neuer Nuklearkraftwerke zu realisieren. Der Bau des neuen Reaktors in Finnland macht deutlich, dass sich die Kosten schnell über den gewünschten Rahmen hinaus erhöhen können. Zudem müssen die Kosten der Endlagerung und der finanziellen Absicherung möglicher Unfälle eingerechnet werden.“ (fr-online, 24.02.2009)

Versorgungssicherheit: Kurz nach dem Wiederanfahren des Atomkraftwerks Krümmel nach zweijährigem Stillstand, kam es zur Schnellabschaltung durch den Ausfall eines Transformators. In der Stadt Hamburg fielen dadurch die meisten Verkehrsampeln und zudem Pumpen in der Wasserversorgung der Stadt aus. Die Wiederinbetriebnahme der Pumpen führte zu zahlreichen Rohrbrüchen.

In Reaktor selbst waren durch die Schnellabschaltung Brennstäbe schadhaft geworden, so dass radioaktive Gase in den Turbinenkreislauf gelangten (Welt online, 21.08.2009).

Ausführlicher Bericht: http://www.welt.de/politik/deutschland/article4061944/Vattenfall-wegen-Kruemmel-Panne-stark-unter-Druck.html

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Letztes Update 05.09.2009